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Studierende der Universität Bremen haben den Pageflow „Facetten jüdischen Lebens in Bremen um 1930“ im Studienjahr 2024/25 unter der kuratorischen Projektleitung von Dr. Thekla Keuck erarbeitet.

Facetten jüdischen Lebens in Bremen

um 1930

Das Projekt

Im Studienjahr 2024/25 haben Studierende der Public History Bremen den Pageflow Facetten jüdischen Lebens in Bremen um 1930 erarbeitet. Ausgangspunkt für das Projekt war der 1. April 1929, als das Jüdische Gemeindeblatt. Mitteilungsblatt der Israelitischen Gemeinde Bremen zum ersten Mal erschienen ist.

Angeregt durch die Zeitungslektüre haben die Studierenden sich auf Spurensuche begeben: Anhand verschiedener Orte, Inhalte und Akteur*innen haben sie sich die Lokalgeschichte jüdischen Lebens in Bremen jenseits nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung erschlossen. Dafür haben sie u.a. im Staatsarchiv Bremen (StAB), im Landesfilmarchiv Bremen und online im Leo Baeck Institute (LBI) zu Jüdinnen und Juden recherchiert, über die sie zuerst im Jüdischen Gemeindeblatt (JGB) gelesen hatten.

Liest man das Jüdische Gemeindeblatt, lernt man eine Seite der jüdischen Gesellschaft kennen, die von Gemeinschaft, Fürsorge, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe geprägt ist. Dies ist etwas, das ich in der Schule nicht gelernt habe.

Timo Grabbe, 2025

Bremen um 1930

Die Jahre zwischen der Jahrhundertwende und dem Ende der Weimarer Republik können in Bremen, in Anlehnung an die Geschichtsschreibung zum deutschen Judentum, als eine Epoche der „Renaissance jüdischer Kultur“ bezeichnet werden. Sie brachten Neuaufbrüche mit sich wie die zunehmende Bedeutung zionistischer Bestrebungen oder die Aktivitäten von Frauen im Kontext des Jüdischen Frauenbunds. Jüdinnen und Juden waren Bestandteil der bürgerlichen Stadtgesellschaft, dabei zählten sie nie mehr als 0,4 Prozent der Bremer Gesamtbevölkerung.

Erfahren Sie mehr über Rabbiner Dr. Felix Aber und Therese Schragenheim, das weibliche Gesicht der Zedaka, über die Mitbegründerinnen des Jüdischen Altersheims Auguste Michel und Bella Rosenak sowie deren Sohn, Rechtsanwalt Dr. Ignatz Rosenak, über Kaufhausgründer Julius Bamberger, der auch Vorsitzender der Bremer Ortsgruppe des Centralvereins war, über Bäckermeister Berthold Gröger und das Drogisten-Ehepaar Ernst und Ella Tichauer, über den Modeunternehmer Emil Hirschfeld und die Kinofamilie Horwitz, über Adolf Herzberg, der sich im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) engagierte, und über die befreundeten Familien Wall und Zacharias, die sich früh für die zionistische Idee einsetzten.

Stadtplan, um 1927

In der Synagoge

Gartenstraße 6

Im Herzen Bremens

Im Herzen Bremens, im Schnoor, im ältesten Stadtviertel der Hansestadt, befand sich von 1876 bis 1938 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde. Hier, in der Gartenstraße 6, trafen sich ihre Mitglieder zum Gottesdienst.

Synagoge, Außenansicht

Synagoge, Innenansicht

Gemeindehaus, Außenansicht

1926 wurde das Wohnhaus in der Gartenstraße 7, direkt neben der Synagoge, gekauft und zum Gemeindehaus umfunktioniert. Darin befanden sich fortan u.a. die Religionsschule, das Gemeindearchiv und Büros verschiedener jüdischer Vereine. Zu Ehren des ersten Rabbiners der Gemeinde, Dr. Leopold Rosenak (1868–1923), wurde es Rosenak-Haus genannt.

1928 feierte die Gemeinde ihr 125-jähriges Jubiläum: „Die Israelitische Gemeinde Bremen begeht ihr Jubiläumsjahr in einer Zeit der Erstarkung des jüdischen Bewußtseins und der wachsenden Anteilnahme an allen Lebensfragen unserer Gemeinschaft“, betonte der damalige Rabbiner Dr. Felix Aber gegenüber den Gemeindemitgliedern.

Gemeinderabbiner Dr. Felix Aber

Nach dem Tod des langjährigen Rabbiners Dr. Leopold Rosenak wurde Dr. Felix Aber (1895–1964) aus Breslau 1924 zum neuen Rabbiner der Bremer Gemeinde gewählt, im Porträtbild um 1935. Er war auch Leiter der Religionsschule und engagierte sich in zahlreichen Einrichtungen der Gemeinde, zum Beispiel im Talmud-Thora-Verein und in der Kaiser Friedrich-Loge.

1925 heiratete er die Tochter seines Amtsvorgängers, Hanna Rosenak (1904–1995), mit der er drei Kinder hatte. Das Foto zeigt die Familie in Bremen 1936, zwei Jahre vor der erzwungenen Auswanderung.

„Komm und höre!“

„Komm und höre!“, schrieb Rabbiner Dr. Felix Aber in der ersten Ausgabe des Jüdischen Gemeindeblatts vom 1. April 1929. Damit sprach er einen zentralen Aspekt jüdischer Religion an: die Gemeinde, die sich versammelt, zusammen ihren Glauben lebt und so ihre Verbundenheit stärkt. Besonders an den Feiertagen wurde diese Botschaft des Zusammenhalts gelebte Wirklichkeit.

Durch das jüdische Jahr

Das jüdische Jahr ist in zwölf Monate unterteilt und richtet sich am Mondzyklus aus. Aufgrund des lunaren Systems verfügt der jüdische Kalender über Schaltmonate, weshalb die jüdischen Feiertage im gregorianischen Kalender variieren. Chanukka zum Beispiel, das Lichterfest, wird mal Anfang, mal Ende Dezember gefeiert, während es im jüdischen Kalender immer auf den 25. Kislew fällt.

In der Synagoge ist die jüdische Seele nicht zu Besuch, sondern hier ist ihre wahre Heimstätte, die letzte Zuflucht des inneren Gemeinschaftsempfindens.

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. Oktober 1929

Rosch ha-Schana

Das jüdische Jahr beginnt im Herbst mit dem Neujahrsfest Rosch ha-Schana, was übersetzt so viel heißt wie „Kopf des Jahres“. Jüdinnen und Juden blicken auf das vergangene Jahr zurück und freuen sich zugleich auf das neue.

Jom Kippur

Neun Tage nach Rosch ha-Schana endet mit Jom Kippur die Gedenk- und Bußzeit. Jom Kippur, der Versöhnungstag, ist ein Tag der Einkehr und der höchste Feiertag im Judentum.

Sukkot

Das jüdische Jahr ist 14 Tage alt. Es folgen sieben Tage, an denen Sukkot, das Laubhüttenfest, gefeiert wird. Die Laubhütte erinnert an die Zelte, in denen einst die Israeliten während ihrer Wanderung durch die Wüste lebten. Die Gläubigen wohnen in einer kleinen Hütte, deren Dach aus Laub, Stroh und Zweigen besteht, so dass durch das Dach der Himmel zu sehen ist.

Im Synagogenhof in der Gartenstraße wurde eine Laubhütte errichtet, in der die Gemeindemitglieder feierten. Allerdings erlaubte das Bremer Herbstwetter es nur selten, darin auch zu schlafen.

Simchat Tora

Direkt nach Sukkot kommt das nächste Fest: Simchat Tora, das Torafreudenfest. In der Synagoge in der Gartenstraße fand am Vorabend ein Kinder- und Jugendgottesdienst statt. Am Festtag selbst wurden die Torarollen durch die Synagoge getragen und aus der Heiligen Schrift vorgelesen: zunächst der Schluss und direkt darauf, um die Endlosigkeit der Tora zu verdeutlichen, der Anfang.

Am nächsten Tag lud Rabbiner Aber die Gläubigen zu sich nach Hause ein, um mit ihnen weiterzufeiern und über die Bedeutung von Glauben und Gemeinschaft zu diskutieren. Dies waren „Stunden, die das Zusammengehörigkeitsgefühl nicht besser zum Bewusstsein bringen können“, heißt es im Jüdischen Gemeindeblatt vom 15. Oktober 1931.

Chanukka

Im Dezember wird Chanukka, das Lichterfest, gefeiert. An jedem der acht Festtage wird eine Kerze auf dem achtarmigen Leuchter, der Chanukkia, angezündet. Damit wird der Wiedereinweihung des Zweiten Tempels in Jerusalem vor über 2.000 Jahren gedacht. Als der Tempel wieder eingeweiht werden sollte, fehlte ausreichend Öl für das Ewige Licht. Das vorhandene Öl hätte nur für einen Tag gereicht. Wie durch ein Wunder brannte das Licht so lange, bis acht Tage später neues Öl hergestellt worden war. Die Gemeinde veranstaltete Chanukka-Feiern, vor allem für die Kinder, die kleine Geschenke erhielten.

Purim

Zum Ende des Winters wird mit Purim eines der wohl fröhlichsten Feste im Judentum begangen: in Kostümen und mit Hamantaschen, ein Gebäck, das an Haman erinnert. Haman war ein hoher Beamter am persischen Hof und wollte alle Jüdinnen und Juden töten lassen. Die Frau des Königs, Esther, die Jüdin war, deckte das Vorhaben auf und rettete so ihr Volk.

Pessach

Im Frühling wird Pessach gefeiert. Das Fest erinnert an das Ende der Sklaverei der Israeliten bei den Pharaonen durch ihren Auszug aus Ägypten. Es beginnt mit dem Sederabend, an dem sich Familie und Freunde zu einem besonderen Mahl treffen und aus der Pessach-Haggada die Erzählung dieser Geschichte lesen.

Die Gemeindeverwaltung beabsichtigt [...] für alleinstehende Personen und solche Gemeindemitglieder, die selbst keine Sederfeier abhalten, einen Sederabend zu veranstalten.

Jüdisches Gemeindeblatt, 1. Mai 1929

Frauenverein und Wohlfahrtsamt

Gartenstraße 6/7

Um 1930 hatten viele Vereine und Einrichtungen der Gemeinde ihre Büros in der Gartenstraße 6/7, zum Beispiel der Israelitische Frauenverein und das Jüdische Wohlfahrtsamt.

Die Wohlfahrtspflege ist eine urjüdische Sitte, die keiner Überlieferung bedarf, sondern lediglich eine Tugend, die am jüdischen Menschen haften geblieben ist.

Jüdisches Gemeindeblatt, 1. Juni 1929

Beide Einrichtungen sind eng mit dem Namen von Therese Schragenheim (1883–1942) verbunden, die für viele in der Gemeinde das Gesicht der Zedaka war. Der Begriff Zedaka stammt aus dem Hebräischen und kann mit Wohltätigkeit übersetzt werden. Zedaka bildet die Basis der jüdischen Sozialarbeit. Sie ist in acht Stufen unterteilt, wobei die Hilfe zur Selbsthilfe die höchste Stufe bildet. Das Prinzip der Zedaka steht für soziale Gerechtigkeit und beinhaltet sozialethische Handlungsanweisungen. Es geht darum, sich um die Mitmenschen zu kümmern, so gut es einem selbst möglich ist.

Therese Schragenheim

Therese Schragenheim wurde am 17. Mai 1883 in Weener in Ostfriesland als Therese Markreich geboren. Sie wuchs mit ihren Geschwistern Max, Fritz und Ella auf. Nachdem ihr Vater gestorben war, zog die Familie nach Bremen. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann, Elias Schragenheim (1876–1942), kennen. Das Foto zeigt das Ehepaar 1938 in Lilienthal. Am 18. November 1941 wurden sie über Hamburg nach Minsk deportiert und dort 1942 ermordet.

Therese Schragenheim bot zweimal wöchentlich Sprechstunden für Menschen an, die sich hilfesuchend an das Jüdische Wohlfahrtsamt wandten. Mit Rat und Tat unterstützte sie auch die Arbeit des Jüdischen Altersheims und des Israelitischen Frauenvereins, dessen Vorstand sie angehörte. Als der Verein 1932 sein 60. Jubiläum feierte, wurde Therese Schragenheim für ihre 20-jährige aktive Mitgliedschaft geehrt.

Therese Schragenheim [...] lebte als aufrechte Jüdin, als hilfsbereite Frau und als treugesinnte Bürgerin von Bremen.

Rabbiner Dr. Felix Aber, 1952

Israelitischer Frauenverein

Vereinsstatuten, 1872

Am 13. März 1872 war der Israelitische Frauenverein in Bremen offiziell gegründet worden. Zu den Aufgaben zählten die Unterstützung von Frauen, die von Armut oder Krankheit betroffen waren, ebenso wie von Frauen im Wochenbett. Zudem organisierten Vereinsmitglieder religiöse Zeremonien bei Sterbefällen. Eintreten konnten alle bremischen jüdischen Frauen ab 18 Jahren. Bereits vor der Vereinsgründung hatten sich die Frauen der Gemeinde um Menschen gekümmert, die Hilfe benötigten.

An der Spitze des Israelitischen Frauenvereins, dem um 1930 etwa 260 Frauen angehörten, stand eine dreiköpfige Direktion. Zu den prägenden Persönlichkeiten des Vereins zählte neben Therese Schragenheim auch Dora Körbchen, die mehr als 30 Jahre die Erste Vorsteherin war. Im Februar 1932 kamen fast 300 Menschen zum 60. Vereinsjubiläum zusammen. Bei einem Festakt wurden die Verdienste in der Fürsorge für Kranke und Verstorbene gefeiert und die Vorsteherinnen für ihr Engagement geehrt.

„Lichte Dienstage“

Die Ratsstuben am Marktplatz, die Fotos zeigen Außen- und Innenaufnahmen aus den 1930er-Jahren, konnten von Vereinen und anderen Organisationen gemietet werden. Die Mitglieder des Israelitischen Frauenvereins trafen sich dort regelmäßig zu Vorträgen und Musikveranstaltungen. Für diese geselligen Zusammenkünfte bürgerte sich der Name „Lichte Dienstage“ ein.

Dienstag, 4. November 1929, 16:15 Uhr: Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Menschen unterhalten sich angeregt mit ihren Sitznachbar*innen. Dann ergreift Hannah Karminski das Wort. Die Geschäftsführerin des Jüdischen Frauenbunds ist aus Berlin nach Bremen gekommen, um über die modernen Aufgaben jüdischer Frauenvereine zu sprechen. Neben den traditionellen Formen der Wohltätigkeit setzte sich der Israelitische Frauenverein nun auch zunehmend für Forderungen der modernen Frauenbewegung ein.

Die Rednerin betonte, daß es das Hauptbestreben des Frauenbundes sei, die Forderungen des Judentums mit den Forderungen der modernen Frauenbewegung in Einklang zu bringen und forderte alle Damen auf, intensiver als bisher an den sozialen Arbeiten des Frauenvereins mitzuarbeiten.

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. November 1929

Kinderfest

Jüdisches Gemeindeblatt, 23. Dezember 1929

Der Israelitische Frauenverein kümmerte sich ebenfalls um die Bedürfnisse der Jüngsten in der Gemeinde. Für das Kinderfest zu Chanukka 1929 wurden Räume in der ,,Glocke“ angemietet und festlich geschmückt. Auf den Tischen standen Schokolade und Kuchen. Die Kinder freuten sich an der Aufführung des Stücks ,,Tillchen und Billchen“, an Tänzen und Geschenken wie Malbücher und Papiermützen. Die Lichter der Chanukkia wurden entzündet und gemeinsam die traditionellen Lieder gesungen. Mit strahlenden Gesichtern und unter lautem Jubel ging das Kinderfest zu Ende.

,,Pfundspende“

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. September 1931

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 traf auch viele jüdische Familien. Der Israelitische Frauenverein initiierte eine Spendenaktion, um Lebensmittel für Hilfsbedürftige zu sammeln: die ,,Pfundspende“. Jede jüdische Hausfrau wurde aufgefordert, ,,so viel sie kann oder will“ zu spenden. Alle länger haltbaren Lebensmittel und Konserven wurden angenommen. Zu den Päckchen sollten Zettel mit dem Inhalt dazugelegt werden, bevor sie bei Vereinsmitgliedern oder beim Hauswart der Synagoge abgegeben werden konnten.

Jüdisches Wohlfahrtsamt

Ein Grund für die erfolgreiche Arbeit des Israelitischen Frauenvereins waren die guten Kontakte der Frauen zu anderen Vereinen und Wohlfahrtseinrichtungen. Seit Anfang der 1920er-Jahre arbeiteten der Israelitische Frauenverein, der Kranken-Wohltätigkeits-Verein und die Wohlfahrts-Kommission der Gemeinde eng zusammen. Um die Aktivitäten zu bündeln, gründete die Gemeinde eine übergeordnete Organisation: das Jüdische Wohlfahrtsamt mit Büro in der Gartenstraße 6.

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. Oktober 1929

Der erste Leiter des Wohlfahrtsamts war der Schwiegervater von Therese Schragenheim, Moses Schragenheim. 1924 übernahm ihr Bruder, Max Markreich, diese Position, der zu diesem Zeitpunkt auch Erster Vorsteher der Gemeinde war. Das Jüdische Wohlfahrtsamt organisierte die Kommunikation mit staatlichen und kommunalen Stellen. Es war in ein größeres Netzwerk eingegliedert: die seit 1917 bestehende Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Zu den Aufgaben des Jüdischen Wohlfahrtsamts zählten auch die Erholungsfürsorge und die Vergabe von Darlehen sowie die Ausgabe von Kleidung und Lebensmitteln.

Erholungsfürsorge

Das Wohlfahrtsamt schickte Kinder zur Tuberkulose-Prävention in „Kinder-Ferien-Kolonien“. Im Juli 1932 beispielsweise konnten insgesamt 16 Kinder nach Aurich und auf die Nordseeinsel Norderney fahren.

Kleiderkammer

Ab 1929 fing das Wohlfahrtsamt an, Kleidung für Frauen, Männer und Kinder zu sammeln. Regelmäßige Aufrufe und Danksagungen an die Spender*innen lassen sich im Jüdischen Gemeindeblatt finden.

Darlehen

Unverzinsliche Darlehen wurden vom Wohlfahrtsamt bei entsprechenden Sicherheiten ausgegeben. Im Jahr 1929 wurden 25 Darlehen mit einer Summe von mehr als 50 Mark aufgenommen.

Lebensmittelkarten

Ab 1931 verteilte das Wohlfahrtsamt Lebensmittelkarten an Bedürftige. Außerdem wurden Verbilligungskarten für Lebensmittel und Heizmaterial sowie Freikarten für Brot und Fisch ausgegeben.

Infolge der Weltwirtschaftskrise seit Ende der 1920er-Jahre wuchsen die Aufgaben des Jüdischen Wohlfahrtsamts stark an, da immer mehr Menschen auf Unterstützung durch Wohltätigkeitseinrichtungen angewiesen waren.

Mit Beginn der NS-Herrschaft 1933 kamen für Wohlfahrtsamt und Frauenverein weitere Aufgaben hinzu. Sie übernahmen es zum Beispiel, Mädchen und Frauen auf die Emigration vorzubereiten.

Das Jüdische Altersheim

Gröpelinger Heerstraße 167

Seit 1925 gab es in Bremen ein Jüdisches Altersheim, in dem Menschen ihren Lebensabend mit der nötigen Unterstützung und Pflege genießen konnten. Die Eröffnung des Altersheims bedeutete für die Gemeindemitglieder die „Realisierung eines schönen Traums“, wie es Max Markreich, Chronist und Vorsteher der Gemeinde, formulierte.

Die Bedeutung des Altersheims für die Gemeinde war außerordentlich.

Max Markreich, 1955

Gemeinschaftsprojekt

Pläne für den Bau eines Altersheims hatte bereits der erste Rabbiner der Gemeinde, Dr. Leopold Rosenak, gehabt. Auch nach dessen Tod 1923 wurde an dem Vorhaben festgehalten. Zwei Jahre später waren genügend Spenden eingegangen. Insbesondere der Kaufmann Jacob Meyer und Auguste Michel, Vorsitzende des Schwesternbunds der Kaiser Friedrich-Loge, hatten das Vorhaben vorangetrieben. Neben Sachspenden wie Möbel, Wäsche und Heizmaterial waren etwa 30.000 Mark gespendet worden.

Zum Ansporn für weitere Stiftungen wurde für Anbringung großer Marmortafeln Sorge getragen, auf denen die Namen von Spendern und derjenigen, zu deren Ehren Stiftungen gemacht wurden, verzeichnet werden konnten.

Max Markreich, 1955

Gründungsjahr 1925

Im Gründungsjahr 1925 ging es Schlag auf Schlag:

2.3.
Beschluss der Gemeinde, mit den Vorarbeiten zu beginnen
23.3.
Beauftragung des Gemeindevorstands, das favorisierte Grundstück in der Gröpelinger Heerstraße zu kaufen
5.5.
Kaufabschluss
5.7.
Einweihung
7.7.
Eröffnung

Es galt einem Heim der Alten und Schwachen, in dem sie ihren Lebensabend sorgenfrei und in Frieden verbringen können, ohne, wie es leider so viel der Fall, das bittere Bewußtsein hegen zu müssen, daß sie anderen zur Last leben.

Bremer Nachrichten, 7. Juli 1925

Feierliche Einweihung

Gröpelinger Heerstraße 167, Hauptgebäude

Buxtehuderstraße 9, Nebengebäude

Zur Einweihung des Altersheims kamen zahlreiche Gemeindemitglieder und Vertreter*innen anderer Wohlfahrtseinrichtungen in die Gröpelinger Heerstraße 167. Sie lauschten den Grußworten, der Eröffnungsansprache von Jacob Meyer als Mitglied der Administration und der Predigt von Rabbiner Dr. Felix Aber.

In den folgenden Jahren wurden weitere 1.500 Quadratmeter Gartenland gekauft und durch den Erwerb eines Gebäudes in der Buxtehuderstraße 9 gab es insgesamt mehr Platz.

An der Gröpelinger Heerstraße 167, Ecke Morgenlandstraße, im anmutigen Villenstil erbaut, schon von außen betrachtet ein erfreulicher Anblick.

Ernestine Eschelbacher, 1929

Besuch aus Berlin

1929 besuchte Ernestine Eschelbacher, Präsidentin des Jüdischen Frrauenbunds, das Altersheim. Ihre persönlichen Eindrücke fasste sie in einem Bericht zusammen, der am 12. April im Jüdischen Gemeindeblatt erschien.



Jüdisches Gemeindeblatt, 12. April 1929

Rundgang mit Ernestine Eschelbacher, 1929



Geleitet wurde das Altersheim von drei Frauen: von Auguste Michel, Therese Schragenheim und Rita Jacobsohn.

Vielen Menschen galt Auguste Michel als gute Seele des Jüdischen Altersheims. Anlässlich des 10-jährigen Bestehen wurde der „Auguste-Michel-Fonds für Altersfürsorge“ ins Leben gerufen, „der hoffentlich reichen Segen für das Altersheim stiften werde“, wie es im Jüdischen Gemeindeblatt vom 15. Mai 1935 stand.

Auguste Michel [war] eine energische, redegewandte und gutherzige Frau. [Sie] verstand [...] es, viele gleichgesinnte Frauen und deren Männer für die Errichtung eines Heims für die Alten zu interessieren.

Max Markreich, 1955

Auguste Michel

Geboren als Auguste Marcus am 19. Februar 1874 in Woldenberg (Dobiegniew/Polen), lebte sie seit 1896 in Bremen. Verheiratet war sie mit dem Kaufmann Jacob Michel (1861–1933), mit dem sie zwei Töchter hatte: Lilli und Alice. Gemeinsam führte das Ehepaar das „Seidenhaus Michel“ in der Obernstraße. Auguste Michel engagierte sich in der Gemeinde, u.a. als Vorsteherin des Schwesternbunds der Kaiser Friedrich-Loge und im Vorstand des Jüdischen Altersheims.

1941 musste Auguste Michel in die USA fliehen, wo sie 1948 starb: „Im 75. Lebensjahre verschied in Flushing, N. Y., Frau Auguste Michel, die langjährige Präsidentin des Schwesternbundes der Kaiser Friedrich-Loge in Bremen und Mitbegründerin des dortigen Altersheimes“, meldete die deutsch-jüdische Exilzeitschrift Aufbau am 19. März. „Die vielen Menschen, denen sie geholfen hat, werden sich ihrer mit Dankbarkeit erinnern.“

Gemeinsam feiern!

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. Januar 1930

Es war ein Donnerstag, an dem Chanukka 1929 im Jüdischen Altersheim gefeiert wurde. Der Oberkantor der Gemeinde unterstützte musikalisch, Geschenke wurden verteilt: „Eine besonders weihevolle Stimmung bemächtigte sich jedes Anwesenden, als [...] die Alten an die Gabentische gerufen wurden, um ihre Geschenke in Empfang zu nehmen. Da war des Staunens kein Ende. Denn dicht gedrängt waren die Gaben aufgehäuft; jeder fand nützliche Gebrauchsgegenstände, und überall waren Süßigkeiten beigefügt, während bei den Herren die Zigarren nicht fehlten.“ Reden wurden gehalten und zum Schluss wurde gemeinsam Psalm 126 gesungen und das Tischgebet gesprochen. „Man trennte sich in dem beruhigenden Bewußtsein voneinander, Teilnehmer einer erhebenden und wohlgelungenen Feier gewesen zu sein, die die Herzen höher schlagen ließ und das Gefühl der Dankbarkeit und des Geborgenseins deutlich offenbarte.“

Heute wäre ich glücklich, wenn das Heim hier [in New York] stünde und ich dort einziehen könnte, um meinen Lebensabend dort verbringen zu können.

Bella Rosenak, 1957

Bella Rosenak

Lebenserinnerungen





Vorbemerkung: Das Kapitel über Bella Rosenak basiert auf ihren Lebenserinnerungen, die sie in den 1950er-Jahren, nach der Shoah, im New Yorker Exil aufschrieb und 1957 beendete. Um die Unmittelbarkeit der Quelle widerzuspiegeln, ist dieses Kapitel in der Ich-Form geschrieben. – Timo Grabbe, 2025



Die erste Seite der Lebenserinnerungen

Mein Name ist Bella Rosenak, geb. Carlebach. Ich stamme aus Lübeck, wo ich am 24. November 1876 geboren wurde. Für viele Jahre habe ich in Bremen gelebt und gearbeitet, bis ich zur Auswanderung gezwungen war: 1941 kam ich in den USA an, wo ich mir ein neues Heim aufgebaut habe. Im Jahr 1957, in dem ich diese Zeilen schreibe, stehe ich kurz vor meinem 80. Geburtstag. Auf Wunsch meiner Kinder schreibe ich meine Lebenserinnerungen für meine Enkel- und Urenkelkinder. Ich möchte darin erzählen, wie mein Leben in Deutschland war.

Herkunft

Geboren und aufgewachsen bin ich in der Hansestadt Lübeck. Ich entstamme einer bekannten Rabbinerfamilie. Mein Vater, Dr. Salomon Carlebach, war der Rabbiner von Lübeck, wie es zuvor mein Großvater und auch mein Urgroßvater gewesen waren.

Esther Carlebach, geb. Adler

Rabbiner Dr. Salomon Carlebach

Meine Mutter Esther Adler war eine wundervolle Dichterin. Sie erfreute uns oft mit ihrer Lyrik. Wir waren eine fröhliche und lebhafte Familie. Ich hatte drei Schwestern und acht Brüder – langweilig war es bei uns nie!

Wir waren damals wohl 20 Personen taeglich bei Tisch, und der grosse Esszimmertisch blieb immer ausgezogen fuer die Schularbeiten. Es herrschte groesste Ruhe während dieser Zeit.

Lebenserinnerungen, 1957

Meine Familie war und ist mir das Wichtigste. Nachdem ich die Höhere Töchterschule abgeschlossen hatte, reiste ich durch Deutschland und besuchte Verwandte. In diesen zwei Jahren lernte ich das Leben kennen. Trotzdem freute ich mich, als ich wieder in Lübeck war, zurück bei meinen Eltern und Geschwistern.



Seit vielen Jahren bitten mich meine Tochter und einige Enkeltoechter, ich moechte ihnen doch erzaehlen, wie ich den Grossvater kennen lernte.

Lebenserinnerungen, 1957

Familie

Wie ich meinen Ehemann kennenlernte? Lasst mich die Geschichte so erzählen: Einige Wochen nach meiner Rückkehr schickte mich mein Vater auf einen Botengang. Ich lief durch die Straßen Lübecks und begegnete zwei Männern, die zu meinem Vater wollten. Einer von ihnen war der Mann, den ich einmal heiraten würde: Dr. Leopold Rosenak, ein junger Amtskollege meines Vaters. Er war der neue Rabbiner in Bremen und für seinen Antrittsbesuch nach Lübeck gekommen.

Nach unserer Heirat schufen wir uns in Bremen ein Zuhause. Wir bekamen drei Kinder: Ignatz wurde 1897 geboren, Cilly 1900 und Hanna 1904.

Gemeinde

In Bremen setzten wir uns tatkräftig für unsere Gemeinde ein, sei es bei der Versorgung von Auswandernden oder der Organisation von Feierlichkeiten. Mit zunehmendem Antisemitismus kam der Kampf dagegen dazu.

Besonders die Sorge für die vielen tausend Menschen, die in Amerika ein neues Leben beginnen wollten und in Bremen in den Auswandererhallen untergebracht waren, nahm neben der Betreuung unserer Gemeinde viel Zeit in Anspruch. Mein Mann und ich arbeiteten oft Hand in Hand, jeder von uns brachte seine eigenen Fähigkeiten ein.

[...] und bald dehnten und fuellten sich diese Hallen so, dass z.Zt. fuer 1.000 Menschen gekocht wurde. Der Betrieb war ungeheuer, und viele helfende Haende waren notwendig [...]. Wir Frauen nahmen uns hauptsaechlich der aelteren Menschen an, [...] sorgten fuer saubere Kleidung und Waesche fuer die Kinder.

Lebenserinnerungen, 1957

Die Einrichtung eines Altersheims war ein weiteres Herzensprojekt. Um Spendengelder zu sammeln, reisten mein Mann und ich in Begleitung unserer Tochter Hanna 1923 in die USA. Auf der Rückreise geschah etwas, das mein Leben für immer verändern sollte. Am 15. August 1923 starb völlig unerwartet mein geliebter Ehemann auf der Überfahrt von New York nach Bremerhaven.

Nach und nach wurde mein Herz ruhiger und leichter. Ich fand wieder Kraft, mich mehr zu betaetigen. Als Herr Studienrat Luetje mich beim Senat als Jugendpflegerin vorschlug, nahm ich dieses Amt gerne an [...].

Lebenerinnerungen, 1957



Als Jugendpflegerin half ich in unterschiedlichen Notsituiationen. Ich erinnere mich an einen mittellosen Studenten des Technikums. Studienrat Lütje bat mich, mich um den jungen Mann zu kümmern. Außerdem engagierte ich mich verstärkt in verschiedenen Vereinen, zum Beispiel im Israelitischen Frauenverein und im Schwesternbund der Kaiser Friedrich-Loge, die seinerzeit mein Leopold mitgegründet hatte.

Blick zurück

Dank meiner Familie und der Gemeinde habe ich nach dem Tod meines Mannes meinen Lebensmut wiedergefunden. Ich blicke zurück auf ein langes, ereignisreiches Leben mit schönen und schmerzvollen Zeiten.



Moege G'tt all die lieben Meinen gesund erhalten – ihnen ihren schweren Lebenskampf erleichtern – und uns in Gemeinschaft noch frohe Jahre erleben lassen bis der Friede der Welt einzieht – und alle Leidenden genesen laesst!

Lebenserinnerungen, 1957







Nachbemerkung: Bella Rosenak ist am 17. September 1961 in New York gestorben. – Timo Grabbe, 2025



Das Kaufhaus Julius Bamberger

Faulenstraße 69/71

Das Kaufhaus Julius Bamberger hieß im Bremer Volksmund „Bambüddel“, wobei mit „Büddel“ ein Beutel gemeint war. Das sollte wohl andeuten, dass kaum jemand das Kaufhaus mit leeren Einkaufsbeuteln verließ.

Wie alles begann

Entwurfzeichnung, 1907

1907 eröffnete der Kaufmann Julius Bamberger (1880–1951) an der Doventorstraße sein erstes Kaufhaus. Fortan lockte er die Bremer*innen mit einem sich stetig vergrößernden Sortiment und vielen Sonderangeboten. Kontinuierlich erweiterte er die Verkaufsfläche – bis das Kaufhaus schließlich das Straßendreieck Faulen-, Doventor-, und Neuenstraße umfasste. Im Dezember 1929 eröffnete dann „der erste Bremer Wolkenkratzer“.

Bremens erster Wolkenkratzer

Mit zehn Stockwerken war das „Bambüddel“ nicht nur das erste Hochhaus der Stadt, sondern es verfügte auch als erstes Gebäude in Bremen über eine automatische Rolltreppe. Das Kaufhaus zeichnete eine moderne und markante Architektur aus, die sich an Europas führenden Kaufhäusern orientierte. Der Schriftzug Bamberger auf dem Kaufhausdach in 40 Metern Höhe leuchtete weithin sichtbar über den Dächern der Hansestadt.

Fahrtreppen bis zum 4. Stock

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. Januar 1930

Auch im Inneren setzte das Gebäude neue Standards: Es besaß neben den Fahrtreppen drei Personenaufzüge. Die Treppenhäuser waren besonders bei Kindern beliebt, weil sich dort Verzerrspiegel an den Wänden befanden.

Für die Kleinen gab es einen eigenen Frisiersalon: „Während die Mutter einkauft, wird das Kind schöngemacht“, warb Julius Bamberger. Wer nach dem Einkaufserlebnis Hunger hatte, konnte im „Erfrischungsraum“ ein „vorzügliches Mittagessen“ oder ein Stück Torte aus der hauseigenen Konditorei essen.

Man steigt aufs Dach!

Jüdisches Gemeindeblatt, 1. Juni 1930

1930 eröffnete die Dachterrasse im fünften Stock. Seither konnte die Kundschaft bei Eis, Kuchen, Würstchen oder belegten Brötchen die Aussicht über Bremen genießen.

Der Blick geht nach Osten über die ältesten Bremer Stadtteile mit mittelalterlichen Dächern zu den Bremer Türmen.

Jüdisches Gemeindeblatt, 1. Juni 1930

Wem dies nicht genug war, konnte sich an der Sodafontäne erfrischen, einen Kaffee aus der „neuen Non-plus-ultra-Maschine“ trinken oder sich vor Bremens Silhouette fotografieren lassen.

Jüdisches Gemeindeblatt, 1. September 1929

Lebensmittel und Möbel

Neben Lebensmitteln fanden sich in zahlreichen Spezialabteilungen Möbel, Geschirr, Spielzeug, Berufsbekleidung, Seifen, Schallplatten und Bücher. Um die Waren an den Mann oder die Frau zu bringen, setzte Julius Bamberger auf ansprechende Schaufenstergestaltung, kundenorientierte Betreuung, exzellente Warenkontrolle und ein ausgefeiltes Marketingkonzept.

Julius Bamberger – der Visionär hinter dem Kaufhaus

Julius Bamberger kam 1880 im sauerländischen Schmallenberg zur Welt. Er machte eine Ausbildung bei einem Onkel und arbeitete deutschlandweit in verschiedenen Kaufhäusern. 1907 gründete er in Bremen das Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft „Kaufhaus Julius Bamberger“. 1914 heiratete er Friedel Rauh (1885–1940). Ein paar Jahre später adoptierte das Ehepaar die Zwillinge Anneliese und Egon, im kreisförmigen Bildausschnitt mit ihrem Vater.

Julius Bamberger engagierte sich in der Jüdischen Gemeinde und war u.a. Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Bremer Ortsgruppe des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.).

1937 floh er vor den Nationalsozialisten zunächst in die Schweiz, dann nach Frankreich, 1941 emigrierte er schließlich mit seinen Kindern in die USA. 1951 ist Julius Bamberger in Los Angeles gestorben.



Vom Kaufhaus zur Volkshochschule

Nach dem erzwungenen Totalausverkauf im Dezember 1936 und der Löschung aus dem Handelsregister im Januar 1937 wurde das „Kaufhaus Julius Bamberger“ 1939 zwangsversteigert, 1945 ausgebombt.

Seit 2007 befindet sich das Verwaltungs- und Veranstaltungszentrum der Volkshochschule Bremen im ehemaligen „Bambüddel“. Auf dem Dach wurde der Schriftzug Bamberger wieder installiert und im Treppenhaus eine Dauerausstellung zum Leben von Julius Bamberger eingerichtet.

Die Wiener Bäckerei

Ostertorsteinweg 77

Inhaber der Wiener Bäckerei im Ostertor war Berthold Gröger. Damit war er einer von rund 300 Bäckern und Konditoren, die in den 1920er-Jahren in Bremen arbeiteten.

Mein Geschäft hatte eine grosse Stammkundschaft und eine aus der Gunst seiner Lage zu erklärende fast ebenso grosse Laufkundschaft.

Berthold Gröger, 1951

Berthold Gröger

Berthold Gröger war 1877 in Smichow (Smíchov/Tschechien) geboren worden, das damals zur Habsburgermonarchie gehörte. In den 1880er-Jahren zogen seine Eltern nach Bromberg/Provinz Posen (Bydgoszcz/Polen) und eröffneten dort 1884 die erste „Wiener Bäckerei“. Nachdem Berthold Gröger 1903 vor der „Meisterprüfungskommission für das Bäckerhandwerk des Regierungsbezirks Bromberg“ seine „Bäcker-Meisterprüfung“ abgelegt hatte, übernahm er 1910 den elterlichen Betrieb. Im selben Jahr heiratete er Agnes Winke (1887–1964) aus Pleschen/Provinz Posen (Pleszew/Polen), 1912 wurde Tochter Marie Cäcilie geboren.

Als Bromberg nach dem Ersten Weltkrieg infolge des Versailler Vertrags zur Republik Polen kam, wanderten die Grögers, wie viele Deutsche, aus: Die Familie zog nach Bremen.

Von der Brotbäckerei zur Feinbäckerei

In Bremen kaufte Berthold Gröger von Bäckermeister Friedrich Otto Sacher das Grundstück Ostertorsteinweg 77, auf dem dieser bislang eine Brotbäckerei betrieben hatte.

Diesen Betrieb habe ich zu einer Wiener Bäckerei umgestaltet und in der Folgezeit mit gutem wirtschaftlichen Erfolg ausgebaut und ausgestaltet.

Berthold Gröger, 1951

Den Verkauf übernahm Agnes Gröger; im Bild steht sie freundlich lächend in der Eingangstür.

In meinem Geschäft habe ich durchschnittlich 4 Gesellen, 1 Konditor und zwei Lehrlinge beschäftigt. Ausser meiner Ehefrau waren im Laden zwei Verkäuferinnen tätig.

Berthold Gröger, 1951

Jubiläumsschrift der Jüdischen Gemeinde Bremen, 1928

Challot ...

Der auf dem Foto festgehaltene Moment in der Backstube zeigt ein Blech mit frisch gebackenen Challot, auch Barches genannt. Das sind Hefezöpfe, die für den Schabbat oder andere jüdische Feiertage gebacken werden. Den Leser*innen des Jüdischen Gemeindeblatts empfahlen die Grögers besonders ihre „Wasser- u. Butterbarches“.

Schabbat

Schabbat beginnt am Freitag bei Sonnenuntergang und endet am Samstag bei Sonnenuntergang. Der Schabbat ist im Judentum der wöchentliche Ruhetag.

Challot

Challot ist der Plural von Challa. Damit wird das Schabbat-Brot bezeichnet. Challot sind Hefezöpfe aus Weißmehl, Hefe, Eiern und etwas Fett. Die „Wasserbarches“ sind parve, damit sie auch zu Fleisch gegessen werden können. Darin unterscheiden sie sich von den „Butterbarches“, die mit Butter und Milch zubereitet werden.

Parve

Parve ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit der Kaschrut, dem jüdischen Speisegesetz, verwendet wird. Lebensmittel sind parve, wenn sie weder milch- noch fleischhaltig sind.

Kaschrut

Mit Kaschrut werden die jüdischen Speisevorschriften bezeichnet. Koscher bedeutet so viel wie „rein“, „erlaubt“. Fleisch darf nur gegessen werden, wenn es von Wiederkäuern mit gespaltenen Hufen oder von Geflügel stammt. Außerdem müssen die Tiere auf eine besondere Weise geschlachtet werden. Es ist nicht erlaubt, Milch- und Fleischprodukte zusammen zu lagern, zu kochen und zu essen.

... und weitere Köstlichkeiten

In der Auslage der Wiener Bäckerei sind verschiedenste Backwaren zu erkennen. Neben Challot werden die Grögers ihren Kund*innen wahrscheinlich auch Klassiker wie Streuselkuchen angeboten haben oder Obstkuchen, zum Beispiel Apfeltorte. Bei einem Blick ins „Kochbuch für die jüdische Küche“, welches 1926 vom Jüdischen Frauenbund herausgegeben wurde, lassen sich eine Reihe von Rezepten finden, die so oder so ähnlich auch in Grögers Backstube zu finden gewesen sein dürften. Das gilt vermutlich auch für das Sachertorten- und das Gesundheitskuchenrezept.



Ostertorsteinweg 77, damals und heute

Spurensuche

Wer den Ostertorsteinweg entlanggeht und an Hausnummer 77 vorbeikommt, stellt fest, dass es dort noch immer nach frischem Brot und Gebäck duftet. Eine Bäckerei gibt es dort bis heute. Doch es ist nicht mehr die Bäckerei von Berthold und Agnes Gröger.

Während der Novemberpogrome 1938 war Berthold Gröger ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt worden. Er musste das Haus im Ostertorsteinweg 77 samt Bäckerei verkaufen. 1939 emigrierten er und seine Frau nach Südafrika, ihre Tochter floh nach England.

Berthold Gröger starb 1958 im südafrikanischen Mowbray, einem Wohnvorort von Kapstadt, Agnes Gröger 1964 in Bremen.

Die Falken-Drogerie

Ellhornstraße 34

Jubiläumsschrift der Jüdischen Gemeinde Bremen, 1928

Die Falken-Drogerie in der Ellhornstr. 34, Ecke Falkenstraße, war um 1930 fester Bestandteil der Bremer Geschäftswelt. Inhaber war Ernst Tichauer, der die Drogerie gemeinsam mit seiner Frau Ella führte. Zur Produktpalette gehörten typische Drogerieprodukte wie Parfümerien und Seifen, aber auch pharmazeutische Dienstleistungen wie die Versorgung von Haus- und Betriebsapotheken mit Verbandsstoffen und Chemikalien. Zum Kund*innenkreis der Tichauers zählten sowohl Großkunden, die den Lieferservice schätzten, als auch Bremer*innen, die vor Ort ihre Präparate kauften.



Familie Tichauer

Ernst Tichauer wurde am 17. August 1883 im oberschlesischen Guttentag (Dobrodzień/Polen) geboren; das Hintergrundbild zeigt seinen Geburtsort um 1903.

1911 ließ er in Bremen die Firma „Falken-Drogerie Apotheker Ernst Tichauer“ ins Handelsregister eintragen. Im selben Jahr verlobte er sich mit Ella Markreich (1886–1975), die in der Familie von allen Elli genannt wurde; im Bildausschnitt das „Tafellied zur Verlobungsfeier von Fräulein Elli Markreich mit Herrn Ernst Tichauer in Bremen“.

Ernst Tichauer und Ella Markreich heirateten 1912. Sie führten mit ihren Töchtern Edith und Erika ein gutbürgerliches Leben mit eigenem Haus und Boot an der Weser. Für die 1920 geborene Tochter Erika stand als Jugendliche fest, dass sie Apothekerin werden würde, um eines Tages die elterliche Drogerie übernehmen zu können.

Die Tichauers betrieben die Falken-Drogerie gemeinsam. Mit der Mitgift seiner Frau hatte Ernst Tichauer 1912 das Ladeninventar sowie die Einrichtung von Kontor und Keller bezahlt. Ella Tichauer kümmerte sich vor allem um den Verkauf. 1914 erhielt sie Prokura – und damit eine weitreichende Handlungsvollmacht.



Produktpalette

Die Falken-Drogerie bot ihrer Kundschaft ein breites Sortiment an: Es reichte von Sodapaketen zum Waschen der Wäsche und verschiedensten Duftstoffen über Salmiakpastillen und Mentholöl bis zu Büro- oder Fotoartikeln. Als Bremer Alleinvertretung für Unternehmen wie Nestlé oder Schering-Kahlbaum wurden in der Falken-Drogerie auch Milchpulverprodukte sowie Schlaf- und Desinfektionsmittel verkauft.

Jüdisches Gemeindeblatt, 23. Dezember 1929

Kundschaft

Während sich die Privatkundschaft über das breite Sortiment für den täglichen Bedarf freute, schätzte die wachsende Zahl an Geschäftskunden neben der breiten Produktpalette den zuverlässigen Lieferservice.

Im Laufe der Jahre entwickelte sie sich zu einer der bedeutendsten Drogerien in Bremen, zuerst als Detailgeschäft und dann, als wir regelmässig Grossistenlieferungen an bremische Behörden und Grossbetriebe ausführten, auch als en gros-Geschäft.

Ella Tichauer, 1955

Kunden über die „Falken-Drogerie“, 1955

In immer größeren Mengen kauften Behörden und Unternehmen in der Falken-Drogerie Produkte zur Weiterverarbeitung, für den gewerblichen Eigenbedarf oder für den Wiederverkauf. Zur Stammkundschaft zählten u.a. die Stadtwerke Bremen, die Bremer Feuerwehr sowie die Städtischen Schlacht- und Viehhöfe Bremen, die Rohrfabrik Menck, Schultze & Co., die Hemelinger Aktien-Brauerei und das Konfektionshaus Gebr. Hirschfeld. Auch das Handelshaus J.H. Bachmann und der Verlag Carl Schünemann wurden von der Falken-Drogerie beliefert, zum Beispiel mit Stearinkerzen, Verbandsmaterial und anderen Artikeln für die Betriebsapotheken.

Für Bremen

In Bremen waren wir als Menschen bekannt, die sich niemals ausgeschlossen haben, wenn es zu spenden galt, die dem Staat, der Stadt und ihren Einrichtungen gegeben haben, was rechtens war.

Ella Tichauer, 1955

Ernst Tichauer unterstützte verschiedene Organisationen und engagierte sich in mehreren Vereinen. Er spendete für die Kleiderkammer des Jüdischen Wohlfahrtsamts und finanzierte die Pflanzung mehrerer Bäume im „Herzl-Wald“ im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. In den 1920er-Jahren war er Präsident der Kaiser Friedrich-Loge, die ein Ort für Austausch, Bildung, Vernetzung und Wohltätigkeit war. Die Loge war Teil des Unabhängigen Ordens B'nai B'rith, der im 19. Jahrhundert in New York gegründet worden war und heute eine der größten jüdischen Organisationen ist.

Auch Ella Tichauer engagierte sich im Vereinswesen der Hansestadt; sie gehörte zum Beispiel dem sogenannten Damenkomitee im Hilfsverein der Deutschen Juden an.

Nach Aufnahme in den B'nai B'rith dauerte es nicht lange bis [Ernst Tichauer] ein Amt in der Kaiser Friedrich-Loge erhielt und dann zum Präsidenten gewählt wurde. Unter seiner Ägide nahm das Logenleben starken Aufschwung.

Max Markreich, 1955

Nachtrag

Nur wenige Monate nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten mussten die Tichauers die Falken-Drogerie verkaufen. 1934 emigrierten sie nach Frankreich.

Ernst Tichauer starb 1939 in Cayeux-sur-Mer in Frankreich.

Ella Tichauer starb 1975 in Ramsey in Minnesota/USA.

Das Konfektionshaus Gebr. Hirschfeld

Obernstraße 41/43

Obernstraße, Anfang der 1930er-Jahre



Die Obernstraße ist bis heute eine der zentralen Einkaufsstraßen in Bremen. Um 1930 sah die Straße allerdings ein wenig anders aus: Damals fuhren neben der Straßenbahn noch Pferde- und Kraftwagen. Nicht zu übersehen war das große Modegeschäft mit dem Schriftzug Gebr. Hirschfeld.

Wer waren die Brüder, die dem Geschäft in der Obernstraße 41/43 den Namen gaben? Was zeichnete ihr Konfektionshaus aus?

Vorbemerkung: Machen Sie eine Zeitreise in die Obernstraße im Jahr 1930 mit Emil Hirschfeld (1870–1934), der Ihnen sein Geschäft zeigen wird. – Anna Altenberg, 2025

Herzlich willkommen!

Herzlich willkommen in unserem Geschäft für Damen- und Kindermode! Seit Jahren sind wir in der Mitte Bremens die Spezialisten für neueste Schnitte, Moden und Kollektionen. Unser Haus ist modern und elegant, und in den letzten Jahren haben wir kontinuierlich daran gearbeitet, es noch prachtvoller werden zu lassen. Mit großen Schaufenstern, einem Lichthof und Leuchtreklame machen wir auf uns aufmerksam.

Jubiläumsschrift der Jüdischen Gemeinde Bremen, 1928

Vom Eingangsbereich gehen wir in den Verkaufsraum im Erdgeschoss. Hier erwartet Sie eine große Auswahl an Jacken, Pelzmänteln, Gesellschaftskleidern und Morgenröcken. Auch Kinderbekleidung finden Sie bei uns. Auf der gegenüberliegenden Seite sehen Sie die Anproberäume. Es ist nichts Passendes unter unseren Neuheiten dabei? Dann können Sie sich Ihre Garderobe bei uns auch maßanfertigen lassen.

Unser Haus besteht aus drei Etagen, die über die Passage im Erdgeschoss zu erreichen sind. Lassen Sie uns nicht die Treppen steigen, sondern lieber den Fahrstuhl nehmen.

Täglich Eingang von Herbst- und Winterneuheiten in Mänteln und Kleidern

Jüdisches Gemeindeblatt , 15. November 1931

Wir sind nun mit dem Fahrstuhl in der Treppenhalle des ersten Obergeschosses angekommen. Wir nehmen einen der zwei Gänge, die die Verkaufsräume verbinden; hier finden Sie übrigens auch unsere Besuchertoiletten.

Ich lasse Ihnen etwas Zeit, um in unserem breiten Sortiment aus Mänteln, Kostümen, Röcken, Kleidern, Blusen und Strickwaren zu stöbern. Bei uns gibt es die neuesten Modelle zu erschwinglichen Preisen!

Jüdisches Gemeindeblatt, 1. August 1929

Jüdisches Gemeindeblatt, 1. Dezember 1929

Zum Abschluss unseres Rundgangs möchte ich Sie einladen, mich in unsere Kellerräume zu begleiten. Hier ist nicht nur unser Warenlager, sondern auch unser Auspackungsraum. In der anderen Hälfte des Kellers sehen Sie unseren Personalbereich mit Frühstücksraum, Toiletten und Garderobe.

Warum nehmen wir nicht im Frühstücksraum Platz? Dann erzähle ich Ihnen mehr über meine Familie und unsere Kaufhäuser in Hamburg, Lübeck, Leipzig und Hannover.

Stammbaum der Familie Hirschfeld

Meine Familie

Dass ich Sie heute in unserer Bremer Filiale begrüßen darf, hängt mit meinem älteren Bruder Isidor zusammen. Er eröffnete mit unserem Bruder Joseph ein Konfektionshaus in Hamburg am Neuen Wall. Nach dem Tod von Joseph wurde Benno, ein weiterer Bruder, Mitinhaber des Hamburger Unternehmens. Im Laufe der Jahre konnten wir weitere Niederlassungen etablieren.

Aus den „Lebenserinnerungen“ von Isidor Hirschfeld

Bei der Gründung des Lübecker Geschäfts war ich mitverantwortlich, auch in Hannover habe ich mit Isidor und Benno unsere dortige Filiale mitaufgebaut. Wichtige Entscheidungen treffen wir Brüder immer gemeinsam. Dazu zählen Geschäftsumbauten und der Wareneinkauf. Unsere Kollektionen beziehen wir zentral über ein Berliner Einkaufsbüro.

Nicht nur meine Brüder, auch meine Schwestern sind in der Textilbranche tätig. Elsa hatte hier in Bremen ein Herren-Konfektionshaus. Selma und ihr Ehemann besitzen am Steindamm in Hamburg ein Bekleidungsgeschäft und Bertha betreibt mit ihrem Mann ein Damenmantelgeschäft an der Reeperbahn in Hamburg.

Zuhause in Bremen

Ich wohne mit meiner Familie in der Hollerallee 43 in Schwachhausen. Wir haben einen Garten, einen beheizbaren Wintergarten und ein sehr schönes Haus. Meine Frau Selma und ich wünschen uns, dass das, was wir uns hier in Bremen aufgebaut haben, einmal von unseren Kindern weitergeführt werden wird. Wir haben zwei Töchter und einen Sohn: Ruth, Cecilie und Ernst-Walter.

Aus meiner Sicht sind der Schlüssel zu unserem geschäftlichen Erfolg neben unseren familiären Beziehungen die guten Kontakte zum regionalen Handel.

Vielen Dank für Ihren Besuch!

Ein Modehaus zu führen, bedeutet nicht nur, aktuelle Moden im Blick zu behalten und Kollektionen zusammenzustellen, sondern auch das Tagesgeschäft zu verwalten: Dazu gehören Tätigkeiten wie das Auszeichnen von Ware, die Beaufsichtigung des Verkaufs und das Diktieren von Briefen. Arbeit – das ist mein Stichwort. Nun muss ich mich wieder meinen Aufgaben im Geschäft widmen. Es war mir eine Freude, Ihnen zu zeigen, was Gebr. Hirschfeld im geschäftlichen wie im familiären Sinn ausmacht und wie eng bei uns Familien- und Unternehmensgeschichte verflochten sind.

Ich hoffe, auch in Zukunft allen Bremer*innen in der Obernstraße 41/43 die schönste und aktuellste Mode anbieten zu können. In diesem Sinne: auf ein baldiges Wiedersehen!



Nachbemerkung: Emil Hirschfeld ist am 14. Juni 1934 in Bremen gestorben. Sein Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Hastedt.

– Anna Altenburg, 2025

Vorhang auf!

Die Skala-Kinos der Familie Horwitz

Um 1900 entwickelte sich das Kino vom Jahrmarkt-Spektakel zum festen Bestandteil urbaner Freizeitkultur. In den 1920er-Jahren erlebte es seinen Durchbruch: längere Filme, Stars, technische Neuerungen – und ein immer breiteres Publikum, das Unterhaltung und Ablenkung suchte.

In dieser Boomphase erkannte die Familie Horwitz das Potenzial der neuen Branche. Seit 1913 im Kinogeschäft tätig, betrieb Simon Horwitz mit seiner Frau und den beiden Söhne in den 1920er- und 1930er-Jahren mehrere Lichtspieltheater unter dem Namen Skala in Bremen. Damit gehörten sie zu den prägenden Unternehmern einer modernen, rasant wachsenden Filmkultur.

Familienunternehmen

Simon Horwitz wurde 1877 in Myslowitz (Mysłowice/Polen) geboren. Minna Horwitz, geb. Fränkel, kam 1878 in Hastedt zur Welt. Das Paar heiratete 1901 in Bremen. Simon Horwitz war fortan als Kaufmann tätig. In Walle betrieb er verschiedene Warengeschäfte. Ab 1916 fokussierten sich die Eheleute auf die Kinobranche und unterhielten Lokalitäten in Gröpelingen.

Die beiden Söhne Julius (1902–1975) und Erich (1905–1942) stiegen nach Ausbildungen im kaufmännischen Bereich in das Familienunternehmen ein. Zusammen mit ihrem Vater bildeten sie ab 1927 die „Skala-Tonfilm-Betriebe S. Horwitz & Söhne“.

Durch seine frühen Aktivitäten in der Filmbranche bewies Simon Horwitz unternehmerisches Geschick und wirkte in verschiedenen Kinos in Bremen mit. Charakteristisch für die Branche in den 1920er-Jahren war die Einbindung des Lichtspieltheaters in gastronomische Betriebe.



Skala-Palast, Gröpelinger Heerstraße

Unter dem Namen Skala konnten bis 1933 vier Kinos vereint werden. Die Kinos der Familie Horwitz befanden sich in der Oslebshauser Heerstraße 125, der Gröpelinger Heerstraße 201/203, der Woltmershauser Heerstraße 223 und in der Faulenstraße 55/59.

Stadtplan, 1925

Verbundenheit

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. Dezember 1931

Jüdisches Gemeindeblatt, 21. März 1932

Julius Horwitz heiratete 1932 Helene Löwe (1903–1977), genannt Lene. Sie stammte aus einer Duisburger Kaufhaus-Familie und stieg in Bremen ins Kinogeschäft mit ein.

Die Verlobungs- und Hochzeitsanzeigen im Jüdischen Gemeindeblatt verdeutlichen die Verbundenheit der Familie mit Bremen. Die öffentlich platzierte Bekanntmachung war Ausdruck von Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Einbindung in das jüdische Leben der Stadt.

Hinter den Kulissen

Der Skala-Palast in Gröpelingen

Das Skala-Lichtspieltheater in der Faulenstraße, zweites Gebäude von rechts

Minna Horwitz war Eigentümerin der Grundstücke in Gröpelingen, auf denen neben dem Skala-Palast auch Hellmer's Restaurant und Bierhalle ansässig waren. Sie versorgte die Besucher*innen in zwei Lichtspieltheatern durch den Verkauf von Süßwaren und erzielte so ein eigenes Einkommen. Ansonsten waren die Aufgaben in den einzelnen Kinos unter allen Familienmitgliedern verteilt.

Zum Kinoteam gehörten mindestens zwei weitere Mitarbeitende, die keine Familienmitglieder waren. Sie waren als Geschäftsführer und für die technische Leitung eingestellt worden.

Erfolg

In der wachsenden Konkurrenz der 1930er-Jahre innerhalb der Bremer Kinolandschaft brachte der Betrieb von insgesamt vier Kinos der Familie Horwitz eine starke Marktposition ein. Ihre Betriebe wurden mit insgesamt 2.450 Sitzplätzen klassifiziert. Mit Verleihfirmen wie der „Universum Film AG“ (UFA) konnten Vorspiel- sowie Zweitaufführungsrechte und ein besseres Preisniveau verhandelt werden.

„Arisierung“

Der alltägliche Betrieb der Lichtspieltheater wurde ab 1933 zunehmend durch die vom NS-Regime verordneten Boykottmaßnahmen erschwert. SA-Männer postierten sich vor den Kinos und hinderten die Menschen am Eintritt. Besucher*innen- und Umsatzzahlen brachen ein.

Innerhalb weniger Jahre wurde die Familie Horwitz aus dem Kinogeschäft gedrängt: In zwei Fällen wurden die Pachtverträge von den Eigentümer*innen nicht verlängert. Die beiden anderen Kinos mussten auf Anweisung des „Reichsverbands Deutscher Filmtheater“ zwangsverkauft werden. Damit war die wirtschaftliche Existenz der Familie Horwitz in Bremen vernichtet.



  • Bild: Privat / Faye Horwitz

Die Brüder Erich (links) und Julius Horwitz mit ihren Kindern, Ende der 1930er-Jahre

Nachtrag

Im Sommer 1939 flohen Julius und Helene Horwitz mit ihrem Sohn Gert zunächst nach England und im Frühjahr 1940 weiter in die USA. Sie ließen sich 1950 in San Angelo in Texas nieder, wo Julius Horwitz ein Geschäft für Radio- und Fernsehapparate betrieb und seine Frau im Einzelhandel tätig war.

1963 kehrten Julius und Helene Horwitz nach Bremen zurück, wo er 1975 und sie 1977 starb.

Simon und Minna Horwitz wurden im Ghetto Theresienstadt ermordet, Erich Horwitz mit seiner Familie im Vernichtungslager Chełmno.





An vorderster Front

Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in Bremen

Der 1919 gegründete Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) gehörte in der Weimarer Republik zu den jüdischen Organisationen mit den höchsten Mitgliederzahlen. Um 1925 hatte er etwa 40.000 Mitglieder in 16 Landesverbänden mit 500 Ortsgruppen. Die Hauptaufgabe des RjF lag in der Abwehr zunehmender antisemitischer Angriffe und Propaganda. Er informierte über die Leistungen von Juden während des Kriegs und vertrat die Interessen ehemaliger Frontkämpfer.

Rückblende

1914 ließen etwa 190 jüdische Bremer ihr ziviles Leben hinter sich, um in den Krieg zu ziehen. Die von Kaiser Wilhelm II. proklamierte „Burgfriedenspolitik“ versprach die Aufhebung konfessioneller und parteipolitischer Unterschiede.

Feldrabbiner Leopold Rosenak

Soldat Ignatz Rosenak

Rabbiner Dr. Leopold Rosenak und sein Sohn Ignatz (1897–1957) stehen stellvertretend für die vielen Bremer, die für das Deutsche Reich in den Krieg zogen. Als Feldrabbiner wurde Leopold Rosenak unter anderem in Kowno (Kaunas/Litauen) eingesetzt. Dort arbeitete er mit der Obersten Heeresleitung zusammen, organisierte die Lebensmittelversorgung und hielt für jüdische Soldaten Feldgottesdienste ab. Ignatz Rosenak meldete sich wie sein Vater freiwillig zum Kriegsdienst. 1917 wurde er während der Dritten Flandernschlacht schwer verwundet.

Enttäuschte Hoffnungen

Zu Kriegsbeginn gingen die jüdischen Soldaten davon aus, als Gleiche unter Gleichen behandelt zu werden. Diese Annahme erfüllte sich nicht. Je länger der Krieg dauerte, desto öfter wurde Juden „Drückebergerei“ vorgeworfen. Die antisemitische Hetze nahm zu und führte 1916 zur „Judenzählung“. Deren Ergebnisse, die das Gegenteil hätten bezeugen können, blieben unveröffentlicht. Viele Juden waren enttäuscht darüber, dass weder ihr Patriotismus noch ihre Opfer anerkannt wurden.

Drei Tage lang prangten wieder die bekannten Bilder, Ausgeburten antisemitischer Phantasie, an den Wänden. Diesmal nicht an öffentlichen, wohl aber an privaten Gebäuden.

Rabbiner Dr. Leopold Rosenak, 1919

„Zum ehrenden Gedenken“

Als der Erste Weltkrieg 1918 endete, trauerte die Jüdische Gemeinde um ihre Mitglieder, die im Krieg gefallen waren. Ihnen zu Ehren wurden in der Vorhalle der Synagoge und in der Halle des Hastedter Gemeindefriedhofs Gedenktafeln angebracht.

Gedenktafel in der Friedhofshalle

Die Chewra Kadischa zu Bremen den Opfern des Kriegs 1914–18 zum ehrenden Gedenken gewidmet

Adolf Adler / David Anschlawski

Hugo Aschendorff / Emil Anspacher

Fritz Cohen / Paul Cohen

Dr. Otto Cohn / Markus Fischbein

Hermann Frank / Rudolf Freudenberg

Sally Katz / Heinrich Kaufmann

Ludwig Körbchen / Ernst Meyer

Max Nathansohn / Heinz Nebenzahl

Oskar Rothschild / Hermann Schaul

Dr. Samuel Schragenheim / Hugo Stein

Alfred Steinberg / Bruno Wolff

Hugo Zacharias / Paul Zacharias

Gründung der Ortsgruppe Bremen

In Bremen gründete sich im Mai 1920 eine Ortsgruppe des RjF. Mitglied werden durften ehemalige Frontkämpfer. Auf der Anmeldeliste standen 62 Namen. Ein Ziel der Männer war es, die jüdischen Gefallenen auf deutscher Seite Teil der nationalen Gedenkkultur werden zu lassen.

Der Bund bezweckt den Zusammenschluss der jüdischen Frontsoldaten Bremens und Umgegend zur gemeinsamen Abwehr aller Angriffe, die auf eine Herabsetzung ihres Verhaltens im Kriege gerichtet sind.

Aus der Satzung der Ortsgruppe Bremen, § II

Die Ortsgruppe Bremen bewahrte und verteidigte nicht nur das Ansehen ihrer gefallenen Kameraden, sondern brachte sich auch in aktuelle Debatten ein. So hielt zum Beispiel ihr damaliger Vorsitzende, der ehemalige Fliegeroffizier Rudolf Apt, im Dezember 1923 einen Vortrag über die anstehenden Bürgerschaftswahlen.

Jüdisches Gemeindeblatt, 12. April 1929

Im April 1929 erschien im Jüdischen Gemeindeblatt ein Appell von Hans Meyer, zweiter Vorsitzender im RjF, umgehend den Antrag auf Mitgliedschaft bei „Kamerad Silbermann“ abzugeben. Sally Silbermann, der in der Nordstraße 193/195 in Walle ein Herrenbekleidungsgeschäft führte, war zunächst Schriftführer der Ortsgruppe Bremen und spätestens seit 1928 deren Vorsitzender.

Es sei eine „unbedingte Notwendigkeit für jüdische Frontkämpfer“, sich dem RjF anzuschließen – um sich damit gegen rechtsstehende Frontbünde und deren Diffamierungen zusammenzuschließen: „Das Kameradschaftsgefühl muß uns auch in dieser Zeit zusammenhalten.“

Darum ergeht an alle der Mahnruf: Hinein in den Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten! Dort vertritt man jederzeit eure Interessen und damit diejenigen der deutschen Juden.

Hans Meyer, 1929

„Treibt Sport!“

Jubiläumsschrift der Jüdischen Gemeinde Bremen, 1928

Neben dem Kampf gegen Antisemitismus und der Verteidigung der Ehre ehemaliger Frontkämpfer engagierte sich der RjF in der Sportbewegung. Die Ortsgruppe Bremen unterhielt eine eigene Turnabteilung, deren Vorsitzender Adolf Herzberg (1896–1941) war. In der Turnhalle des Alten Gymnasiums in der Dechanatstraße gab es „regelmäßige Turnabende“ für Schüler und Männer.

Durch die Leistungen unserer jüdischen Jugend können wir doch am besten den antisemitischen Vorwürfen entgegentreten.

Adolf Herzberg, 1929

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. Oktober 1929

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. November 1929

„Propaganda­veranstaltung“

Im November 1929 trat der Turn- und Sportverein der Ortsgruppe Bremen „zum ersten Male mit einer Propagandaveranstaltung an die jüdische Oeffentlichkeit“. Vormittags fand ein „Schauturnen“ statt, bei dem rund 30 Vereinsmitglieder „den zahlreich erschienenen Zuschauern 1 ½ Stunden frisch-fröhlichen Turnbetriebes“ zeigten. Abends, so berichtete es das Jüdische Gemeindeblatt, „waren die Turnfreunde sowie die gesamte Gemeinde zu einem Festball im Hagsaal in der Böttcherstraße eingeladen. Der Besuch war derart groß, daß die verfügbaren Plätze kaum ausreichten.“ Auch Der Schild. Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten informierte über die Bremer „Propagandaveranstaltung“.

Gedenkbuch

1932 überreichte der RjF-Vorsitzende Leo Löwenstein Reichspräsident Paul von Hindenburg zu dessen 85. Geburtstag ein Exemplar des Gedenkbuchs, das der RjF zu Ehren der „jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen“ im selben Jahr herausgegeben hatte. Der Reichspräsident bedankte sich in einem kurzen Schreiben:

In ehrfurchtsvoller Erinnerung an die auch aus Ihren Reihen für das Vaterland gefallenen Kameraden nehme ich das Buch entgegen und werde es meiner Kriegsbücherei einverleiben. Mit kameradschaftlichem Gruß!

Paul von Hindenburg, 1932

„Erziehung zur Abwehr“

Die Ortsgruppe des C.V. Bremen

Die Abwehr ist positive Arbeit am Judentum.

Julius Bamberger, 1929

1923 wurde in Bremen eine Ortsgruppe des seit 1893 bestehenden Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V. (C.V.) gegründet. Der C.V. entwickelte sich auch in der Hansestadt rasch zur mitgliederstärksten Interessenvertretung von Juden und Jüdinnen. Hauptaufgaben waren der Kampf gegen Antisemitismus und die Information der Mitglieder über judenfeindliche Ereignisse. Vorsitzende des C.V. Bremen waren u.a. Kaufmann Bernhard Galatzer (1865–1927) und Kaufhausbesitzer Julius Bamberger.

Eine starke Stimme

Kurz nach ihrer Gründung im Januar 1923 zählte die Ortsgruppe Bremen bereits über 200 Mitglieder. Über das starke „Interesse in der alten Hansestadt“ berichtete die vereinseigene C.V.-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 18. Januar 1923.

Angesichts der immer stärker werdenden Judenfeindschaft widmete sich bereits die erste große öffentliche Veranstaltung des C.V. Bremen dem Thema „Antisemitismus, Jugend und Wiederaufbau“. Die Eröffnungsrede hielt Rabbiner Dr. Leopold Rosenak. Fortan lud die Bremer Ortsgruppe regelmäßig Gastredner ein, um öffentlich antisemitische Vorurteile zu widerlegen.

Ein weiteres Mittel des C.V. Bremen im Kampf gegen Antisemitismus war die Veröffentlichung von Aufklärungspublikationen, Flugblättern und Klebezetteln mit Sprüchen gegen Judenfeindschaft.

Klebezettel des C.V., 1920er-Jahre

Klebezettel des C.V., 1920-er Jahre

Doventorstraße 1

In der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre befand sich das Büro des C.V. Bremen in der Doventorstraße 1, in unmittelbarer Nähe zum Kaufhaus Julius Bamberger, dessen Inhaber Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender der Ortsgruppe war.

Wer sich an den C.V. Bremen wenden wollte, tat dies persönlich, telefonisch oder postalisch. Die Adresse stand im Bremer Adressbuch. Der Verein bot Rechtsschutz im Fall von Gerichtsverfahren an, in denen es um die Ahndung antisemitischer Vorfälle ging.

Selbstverteidigung

Antisemitische Vorfälle meldete der C.V. Bremen konsequent der Polizei. Die Mitglieder sammelten Material und hakten nach, wenn Fälle stockten:

zum Beispiel im Mai 1924 ...

... nachdem der C.V. Bremen sich angesichts anhaltender antisemitischer Beschimpfungen durch „deutschvölkische Kreise“ an die Polizei gewandt hatte und diese sich auf die Seite der Antisemiten stellte.

zum Beispiel im August und September 1928 ...

... als es in Bremen eine Überfallserie gab und die Opfer als „jüdisch aussehend“ diffamiert wurden. Am 25. August 1928 war Hans Blumenthal gegen Mitternacht aus einer Menschengruppe heraus angegriffen und antisemitisch beleidigt worden. Vier Tage später erfolgte eine weitere Gewalttat nach ähnlichem Muster: dieses Mal gegen Abraham Weic, der in den Wallanlagen angegriffen und verletzt wurde.

Nachdem ich inzwischen hörte, dass dieses der vierte Fall ist, in dem junge jüdische Menschen auf der Strasse überfallen werden, lege ich Wert darauf, die Sache der Öffentlichkeit zu übergeben und bitte den Centralverein, entsprechende Schritte zu unternehmen.

Abraham Weic, 1928

Der C.V. Bremen unterstützte die Überfallenen: Es wurden Konsequenzen für die Täter und eine höhere Polizeipräsenz gefordert. Im Sommer 1929 kam es zum Prozess. Der C.V. Bremen informierte die Jüdische Gemeinde über den Verlauf der Verhandlungen und über die vergleichsweise milden Strafen für die Täter.



zum Beispiel im August 1929 ...

... als sich Schaffner der Bremer Straßenbahn wiederholt antisemitisch äußerten.

Nachdem in diesem Fall der C.V. Bremen „bei der Direktion vorstellig“ geworden war, verurteilte diese in einer Stellungnahme jegliche judenfeindliche Äußerungen.

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. September 1929

Es sei nur erwähnt, daß Beschwerden bei verschiedenen Tageszeitungen, der Bremer Straßenbahn, dem Stahlhelm usw. zu vollem Erfolg führten.

Julius Bamberger, 1930

Engagement

Regelmäßig berichtete die Ortsgruppe des C.V. im Jüdischen Gemeindeblatt über ihre Aktivitäten. Neben juristischer Selbstverteidigung und Reisewarnungen vor „antisemitischen Bädern“ wurden die Gemeindemitglieder über gesellige Veranstaltungen informiert. Ausführlich dargelegt wurden auch die Diskussionen während der Jahreshauptversammlungen.

Der Vorsitzende appellierte an den gesunden Sinn der deutschen Juden, sich in dieser ernsten Zeit nicht durch utopistische Darstellungen von der so notwendigen C.-V.-Arbeit ablenken zu lassen.

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. März 1930

„Gehe hin und lerne!“

Im C.V. Bremen engagierten sich auch Frauen. So saßen seit 1929 Helene Ginsberg (1888–1943) und Bella Rosenak im Vorstand der Ortsgruppe.

Unter Leitung von Helene Ginsberg gründete sich 1929 eine selbstständige Frauengruppe. Mit dem Aufruf „Gehe hin und lerne!“ im Jüdischen Gemeindeblatt vom 15. Januar 1930 wandte sie sich an die weiblichen Gemeindemitglieder, sich aktiv in die Arbeitsgemeinschaft einzubringen. Ziel der regelmäßigen Treffen mit einer Lesestunde und anschließendem Gedankenaustausch sei es, „über das, was eint“ zu sprechen: „Bekämpfung des Antisemitismus“.

Helene Ginsberg war mit dem Viehhändler Max Ginsberg (1878–1943) verheiratet. Das Paar hatte zwei Kinder: Günter und Leonore. Die Familie wohnte in der Hohenlohestraße 16 in Schwachhausen. Hierhin lud Helene Ginsberg auch die Frauengruppe des C.V. Bremen zum gemeinsamen Lesen und Diskutieren ein.

„Zionsliebe“

Die Familien Wall und Zacharias und ihr Engagement in der Zionistischen Vereinigung für Deutschland

Die Familien Wall und Zacharias waren zwei gut situierte Familien in Bremen. Hier hatten sie sich eine bürgerliche Existenz aufgebaut: Dr. Joseph Wall als Tierarzt, das Ehepaar Zacharias als Zahnärztin bzw. Zahnarzt. In der Jüdischen Gemeinde und der Ortsgruppe der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) wurden sie für ihr Engagement geschätzt.

Helene und Kurt Zacharias

Dr. Helene Zacharias war am 8. Februar 1901 in Schlawe (Sławno/Polen) als Paula Helene Heidenfeld geboren worden. 1925 hatte sie in München ihre Approbation als Zahnärztin erhalten und führte ab diesem Zeitpunkt den Titel „Doktor der Zahlheilkunde“. 1925 zog sie nach Bremen. Hier heiratete sie am 12. Oktober 1928 Kurt Zacharias, der noch studierte. Dr. Helene Zacharias war eine von nur zwei Zahnärztinnen im Land Bremen – bei 72 Zahnärzten.

Dr. Kurt Benny Zacharias war am 15. Dezember 1897 in Bremen als Sohn von Rike und Benny Wolf Zacharias geboren worden. Er kämpfte als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg, 1917 wurde er verwundet. Nach Kriegsende arbeitete er einige Jahre als Textilvertreter, bevor er Zahnmedizin an der Universität Hamburg studierte. Danach ließ er sich als Zahnarzt in seiner Heimatstadt nieder. Kurt Zacharias und seine Frau hatten jeweils eigene Praxen: Dr. Helene Zacharias betrieb eine Zahnarztpraxis im Pastorenweg 201 in Gröpelingen, Dr. Kurt Zacharias in der Waller Heerstraße 41.

1934 sah sich das Ehepaar zur Auswanderung gezwungen. Sie emigrierten in das unter britischem Mandat stehende Palästina, wo die beiden Söhne, Moshe und Amram, geboren wurden. Dr. Kurt Zacharias starb 1970, Dr. Helene Zacharias 1984.

Joseph und Ernestine Wall

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. September 1929

Am 1. September 1929 meldete das Jüdische Gemeindeblatt den Tod von Dr. med. vet. Joseph Wall, der am 26. August im Alter von 55 Jahren gestorben war. Er hatte am 31. Dezember 1873 in Samter (Szamotuły/Polen) als Sohn des Fleischermeisters Israel Wall das Licht der Welt erblickt. 1906 hatte er in Danzig (Gdańsk/Polen) Ernestine Goldberg geheiratet. Sie war am 2. Dezember 1882 als Tochter des Kaufmanns Samuel Goldberg in Bischofswerder (Biskupiec/Polen) geboren worden. Das Ehepaar Wall hatte zwei Kinder: Albert (1907–1983) und Mirjam (1911–2003).

Dr. Joseph Wall im Ersten Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs diente Dr. Joseph Wall im Veterinäroffizierkorps. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft arbeitete er als Tierarzt in Bremen, wohin seine Familie 1916 gezogen war. Als Veterinär war er u.a. für die Schlachthausbehörde zuständig. Im lokalen Schäferhundverein schätzte man ihn für seine „gemeinverständlichen Vorträge und Abhandlungen auf dem Gebiete der Tierheilkunde“.

Dr. Joseph Wall führte auch eine General-Agentur für „Lebens-, Feuer- und sonstige Versicherungen“, die nach seinem Tod Ernestine Wall übernahm.



Jüdisches Gemeindeblatt, 15. September 1929

Zionistisches Engagement

Die ZVfD wurde am 31. Oktober 1897 in Frankfurt am Main gegründet. Ihre Aktivitäten konzentrierten sich zunächst auf die Organisation des Aufbauwerks in Palästina und die Förderung der zionistischen Idee. Später kamen die Stärkung des Zusammenhalts unter Jüdinnen und Juden sowie die Bekämpfung des zunehmenden Antisemitismus hinzu. Ende der 1920er-Jahre hatte die ZVfD rund 20.000 Mitglieder in 200 Ortsgruppen. Die Ortsgruppe Bremen zählte etwa 35 Mitglieder, darunter Elias Schragenheim, Dr. Kurt Zacharias und Dr. Joseph Wall.

Jüdisches Gemeindeblatt, 15. Oktober 1929

Im Herbst 1929 „gedachte die Ortsgruppe ihres langjährigen Vorsitzenden, des Herrn Dr. Josef Wall, durch eine Gedenkrede, die Herr Kurt Zacharias hielt. Die diesem edlen Mann gewidmeten Worte des Gedenkens wurden von der Versammlung stehend angehört.“ Der Text der Rede wurde vollständig im Jüdischen Gemeindeblatt abgedruckt, hier ein Auszug.

Ortsgruppe Bremen

Dr. Kurt Zacharias gehörte zum Vorstand der „Zionistischen Ortsgruppe“, die sich regelmäßig in der Hemelingerstraße 10a in der Ostertorvorstadt traf. Als Delegierter nicht nur der Ortsgruppe Bremen, sondern auch des „Nordwestdeutschen Gruppenverbandes“ nahm er darüber hinaus an den Delegiertentagungen der ZVfD in Frankfurt am Main teil.

Die Zionist*innen in Bremen organisierten Hebräischkurse sowie Vortrags- und Diskussionsabende. Das Angebot richtete sich gezielt an die jüdische Jugend, für die Dr. Kurt Zacharias Vorträge über Zionismus hielt.

Was ist Zionismus?

Der Begriff Zionismus leitet sich von dem im Alten Testament erwähnten Hügel „Zion“ im Südosten Jerusalems ab. Ausgehend von der Sehnsucht in der Diaspora lebender Jüdinnen und Juden nach einem jüdischen Nationalstaat entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine politische Bewegung. Diese stellte auch eine Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus und Pogrome dar. Nach dem Erscheinen von Theodor Herzls programmatischer Schrift „Der Judenstaat“ 1896 und dem ersten Zionistenkongress 1897 in Basel erhielt die Bewegung in den folgenden Jahren verstärkt Zulauf.

Wer war Theodor Herzl?

Theodor Herzl (1860–1904) gilt als Begründer des politischen Zionismus und forderte in „Der Judenstaat“ einen eigenständigen jüdischen Staat im damals britischen Mandatsgebiet Palästina. Im Jüdischen Gemeindeblatt vom 1. Juli 1929 erschien aus Anlass seines 25. Todestags ein ausführlicher Artikel über sein Schaffen: „Theodor Herzl ist zum Symbol geworden“, heißt es darin. „Sein Leben und Wirken ist das des großen jüdischen Erneuerers in modernem Gewande.“

Was ist ein Kibbuz?

Der Begriff Kibbuz leitet sich aus dem Hebräischen ab und bedeutet „Sammlung“ oder „Versammlung“. Die ersten, noch kleinen Kibbuzim (Plural von Kibbuz) wurden auch Kwuzot genannt; Kwuzot ist der Plural von Kwuzah, was so viel wie „Gruppe“ heißt. Ein Kibbuz ist eine ländliche Kollektivsiedlung, die auf sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit, geteiltem Besitz und basisdemokratischen Strukturen aufbaut. Der älteste Kibbuz wurde 1910 gegründet. 1930 gab es im britischen Mandatsgebiet Palästina 29 Kibbuzim, in denen etwa 3.900 Menschen lebten.

„Der einzige bremische Chaluz

Mir wird es unvergeßlich sein, als der Vater stolz und beglückt mir aus den Briefen seines Sohnes [...] vorlas, als der Sohn schrieb, daß er an eben derselben Stelle, an der einst sein Vater stand, auf dem Berg Karmel, gestanden habe, weit in die Lande und über das Meer geschaut habe, die Schönheit des Landes mit den Augen trinkend, [...].

Dr. Kurt Zacharias, 1929

Auf dem Programm der von der „Zionistischen Ortsgruppe“ organisierten Vortragsabende standen auch Reise- und Erfahrungsberichte aus Erez Israel: Neben persönlichen Erlebnisschilderungen von Bremer*innen, die Palästina im Urlaub besucht hatten, wurde immer wieder aus Briefen von Albert Wall vorgelesen. Der „einzige bremische Chaluz“ war der Sohn von Ernestine und Joseph Wall, der in den 1920er-Jahren Alija gemacht hatte.

Chaluz
„Pionier“; landwirtschaftlicher Pionier, der das zionistische Idealbild durch Zugehörigkeit in einem Kibbuz zu verwirklichen versucht
Erez Israel
„Land Israel“; im Zionismus nicht länger ein religiöses Symbol, was es für mehr als zwei Jahrtausende war, sondern nationale Heimat
Alija
„Aufstieg“; Bezeichnung für die Einwanderung nach Palästina

Nachdem Dr. Joseph Wall gestorben war, las dessen Tochter Mirjam auf Einladung der Ortsgruppe „aus den interessanten Briefen ihres Bruders, der als Chaluz in Erez Israel in der Kwuzah Schiller arbeitet, vor und erregte damit“, so berichtete es das Jüdische Gemeindeblatt am 17. November 1932, „das größte Interesse der Anwesenden“.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten gelang Mirjam Wall und ihrer Mutter die rettende Auswanderung nach Palästina in die Kwuzah Schiller.

Nachbemerkung

Dr. Joseph Wall und Dr. Kurt Zacharias hatten am Ersten Weltkrieg teilgenommen – in Erfüllung ihrer patriotischen Pflichten. In den 1920er-Jahren waren sie mit ihren Familien gesellschaftlich in Bremen fest verankert, beide Familien verband ihr Engagement im ZVfD: Der Aufbau einer Zukunft in Erez Israel war ihr Lebensziel. Allerdings waren die Umstände, unter denen das Ehepaar Zacharias sowie Ernestine und Mirjam Wall 1933 bzw. 1934 nach Palästina auswanderten, vor allem das Ergebnis gewaltsam beschleunigter Entwicklungen nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten.

Der Hilfsverein der Deutschen Juden, Lokalkomitee Bremen

Am Dom 6

Seit Ende des 19. Jahrhunderts spielte Bremen für Auswandernde eine wichtige Rolle: Auf der Flucht vor Antisemitismus und Pogromen war die Hansestadt für viele Jüdinnen und Juden die letzte Station auf dem europäischen Kontinent vor der Überfahrt in die Neue Welt.

Um die Versorgung der häufig mittellosen Menschen kümmerte sich u.a. das Bremer Lokalkomitee des Hilfsvereins der Deutschen Juden unter ihrem Vorsitzenden Dr. Ignatz Rosenak.

„Vorort Amerikas“

Von Bremen ging für Zehntausende und Hunderttausende die glückhafte Fahrt ins Land der Freiheit.

Dr. Felix Aber, 1929

Als Hafenstadt war Bremen bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs Durchgangsstation für Millionen von Auswander*innen. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hatten infolge von Pogromen sowie aufgrund von Armut und Perspektivlosigkeit im Zarenreich auch zahlreiche Jüdinnen und Juden ihre Heimat verlassen. Viele hofften auf einen Neubeginn in Amerika. Auswandereragenturen wie die Bremer Agentur F. Missler verkauften Schiffsfahrkarten und warben dafür, die Überfahrt auf einem der Schiffe des in Bremen ansässigen Norddeutschen Lloyd anzutreten, der eine der größten Reedereien im Kaiserreich war.

Durch die mannigfaltige Mitwirkung der Israelitischen Gemeinde Bremen am Auswanderer-Hilfswerk hat sie sich einen Namen gemacht, auch über unseren Kontinent hinaus.

Dr. Ignatz Rosenak, 1929

Auf ihrer Reise in die Neue Welt blieben nicht wenige Menschen länger in Bremen, als ursprünglich geplant. Um die häufig mittellosen Auswander*innen kümmerte sich das um 1900 gegründete Bremer Komitee für hilfsbedürfte durchreisende Juden und versorgte die Menschen mit Kleidung und Essen. Aufgrund dieser „Leistungen“ und wegen „der geographischen Lage ihrer Stadt“ zählte die Jüdische Gemeinde Bremens „als Vorort Amerikas“ zu den „großen Gemeinden in Deutschland“, wie Dr. Ignatz Rosenak es in der ersten Ausgabe des Jüdischen Gemeindeblatts vom 1. April 1929 formulierte, „von denen man spricht und die zum besten und zum Wohle der Gesamtinteressen des Judentums wirken und schaffen“.

Veränderte Rahmenbedingungen

Jubiläumsschrift der Jüdischen Gemeinde Bremen, 1928

Der Hilfsverein der Deutschen Juden war 1901 in Berlin gegründet worden. Damit sollten die bislang von lokalen Hilfskomitees wie dem Bremer Komitee für hilfsbedürfte durchreisende Juden übernommene Unterstützung für notleidende Jüdinnen und Juden gebündelt werden, um Hilfsgelder schneller und effizienter verteilen zu können.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs brach die Auswanderung massiv ein, auch weil durch die Seeblockaden und den U-Boot-Krieg die zivile Schifffahrt stark eingeschränkt war. Zwar wanderten in den 1920er-Jahren wieder vermehrt Menschen über Bremen aus, aber aufgrund einer Quotengesetzgebung in den USA blieb die Anzahl der Auswander*innen im Vergleich zur Vorkriegszeit niedrig: 1929 wanderten 950 Personen über Bremen aus – kurz vor dem Ersten Weltkrieg, auf dem Höhepunkt der Auswanderung, hatten monatlich an die 20.000 Auswander*innen Bremen passiert.

„Bremen“

Im Nordamerika-Geschäft dominierten zunehmend „neben europäischen Reisenden, die zu Besuchs-, Studien- oder Geschäftszwecken nach drüben fahren“, wie Rabbiner Dr. Felix Aber im Jüdischen Gemeindeblatt am 1. August 1929 schrieb, „wohlhabende amerikanische Glaubensgenossen“, die auf Europareise gingen.

Der Norddeutsche Lloyd passte die Ausstattung seiner Schiffe der veränderten Klientel an. Von der Jungfernfahrt der „Bremen“ von Bremerhaven nach New York im Sommer 1929 berichtete Rabbiner Aber seiner Gemeinde ausführlich. Immerhin galt das Schiff damals als modernster und luxuriösester Schnelldampfer. Gleichwohl erinnere der Schiffsname auch „an die gewaltige Hilfstätigkeit“, die vom Hilfsverein geleistet worden sei.

Fürsorgetätigkeit

Um 1930 stand das Bremer Lokalkomitee des Hilfsvereins unter der Leitung von Rechtsanwalt Dr. Ignatz Rosenak. Die Adresse lautete: Am Dom 6.

Dr. Ignatz Rosenak

Rechtsanwalt Dr. Ignatz Rosenak war 1897 als Sohn des Bremer Rabbiners Dr. Leopold Rosenak und seiner Frau Bella zur Welt gekommen. Wie sein Vater hatte er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Nach dem Krieg studierte er Jura an den Universitäten in Frankfurt am Main, Heidelberg und Göttingen. 1927 kehrte er in seine Heimatstadt zurück und ließ sich dort als Rechtsanwalt nieder. Verheiratet war er mit Minnie Neumann (1897–1990), mit der er drei Kinder hatte: Esther, Leo und Michael. 1938 floh die Familie in die USA. 1957 ist Dr. Ignatz Rosenak in New York gestorben.

Wie seine Eltern war Dr. Ignatz Rosenak stark in der Jüdischen Gemeinde engagiert, u.a. im Bremer Lokalkomitee des Hilfsvereins. Unterstützt von seinem Schwager, Rabbiner Dr. Felix Aber, kümmerte er sich um die Anliegen jüdischer Auswanderer*innen.

Die Auswanderung, die aus wirtschaftlichen Gründen und zur Wiedervereinigung mit Familienangehörigen unternommen wird, bedeutet unter den gegenwärtigen Verhältnissen für einzelne wie für Familien vielfach eine Überwindung von unendlichen Hindernissen.

Jahresbericht des Hilfsvereins der Deutschen Juden, 1929

Zunehmende Beschränkungen der Einwanderung in immer mehr Zielländern führten dazu, dass die Dauer des Aufenthalts in Bremen immer länger wurde. Die Menschen, die auf ihre Ausreisedokumente warteten, waren in dieser Zeit häufig auf Fürsorge angewiesen. Unterbringung fanden sie zum Beispiel im Lloydheim in der Hemmstraße.

Im Februar 1931 reiste Dr. Ignatz Rosenak als Mitglied des Zentralkomitees des Hilfsvereins in die USA, um „Informationen in Auswanderungsangelegenheiten“ einzuholen, „Verhandlungen wegen einzelner Emigranten“ zu führen und „um bei der amerikanischen Einwanderungsbehörde wegen Milderung des Quotensystems zu intervenieren“.

Die Fürsorgetätigkeit unserer Zentrale in Berlin und der Schutzkomitees in Hamburg und Bremen erstreckte sich auf Beratungen, Beihilfen und Interventionen aller Art, Verhandlungen mit Schiffsgesellschaften, Konsulaten, Polizeibehörden und Fürsorgestellen, städtischen Wohlfahrtsämtern und jüdischen Gemeinden.

Jahresbericht des Hilfsvereins der Deutschen Juden, 1931

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 oblag es dem Hilfsverein, die Auswanderung der deutschen Jüdinnen und Juden zu forcieren.

Nachtrag zum Projekt

Wie überall in Deutschland führten in Bremen Antisemitismus und Rassismus, aber auch Ignoranz und Gleichgültigkeit zur Zerstörung jüdischer Kultur und zur Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich in Bremen wieder eine jüdische Gemeinschaft. Stadt und Land wurden als US-amerikanische Enklave in der britischen Besatzungszone für Jüdinnen und Juden zu einem wichtigen Ort für einen Neubeginn in Nordwestdeutschland.

Diese Geschichten werden wir an anderer Stelle erzählen.

Dank

Realisiert wurde das Projekt mit Unterstützung der Senatskanzlei der Freien Hansestadt Bremen im Rahmen des Programms Maßnahmen und Projekte gegen religiöse Diskriminierung.

Für die Unterstützung bei der Recherche danke ich insbesondere den Kolleg*innen des Staatsarchivs Bremen. Darüber hinaus danke ich dem Joseph Carlebach Institute, der Jüdischen Gemeinde Bremen, dem Jüdischen Museum Berlin, der Geschichtswerkstatt Gröpelingen, dem Landesfilmarchiv Bremen und dem Leo Baeck Institute für die Einräumung von Bildnutzungsrechten. Außerdem möchte ich den Studierenden meiner Lehrveranstaltungen zur jüdischen Geschichte Bremens danken, allen voran Anna Leinen und Marlene Rehbein, die zu diesem Themenfeld auch ihre Qualifikationsarbeiten geschrieben haben bzw. schreiben.

Mein besonderer Dank geht an Anna Leinen, die zunächst als Studentische Hilfskraft und schließlich als Doktorandin den gesamten Pageflow mehrfach gelesen, redaktionell bearbeitet und intensiv mit mir diskutiert hat.

– Dr. Thekla Keuck, Bremen im April 2026